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Mathias Büttner zu Gesellschaft, Kultur und Cyberspace.

SICHERHEIT! hilft uns nicht weiter

Und es geht los: Während im Land der Anschläge bei aller Hilflosigkeit, die sicher auch eine Menge Wut erzeugt, erstaunlich besonnen auf mehr Demokratie und Offenheit gesetzt wird, schlagen die üblichen Reflexe in Deutschland an. Mehr Überwachung, mehr Sicherheit.

Dem CSU-Politiker Hans-Peter Uhl zufolge müsse die Überwachung von Internetverkehr und Telefongesprächen vorab möglich sein.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Bernhard Witthaut sprach sich dafür aus, neben der Anti-Terror-Datei für offensichtliche “Gefährder” auch eine für auffällig gewordene Personen einzurichten. “Wir müssen alles tun, um mitzubekommen, wenn jemand mit solchen kruden Gedanken auffällt.“

Dass eine Liste für sogenannte „Gefährder“ wie auch die Überwachung aller digitaler Kommunikation eine Menge Unbescholtener enthält liegt in der Natur der Sache – trotzdem soll obendrauf auch noch „auffälliges Verhalten“ dokumentiert werden. Damit würden wir in eine mehr als graue Zone in der sogenannten freiheitlich demokratischen Grundordnung steuern.

Was dabei deutlich wird: Es scheint einen Wettbewerb um das Versprechen auf Sicherheit zu geben, der für die eigene Profilierung bis ins Paradoxe gesteigert wird. Jeder präsentiert sich als noch kompetenter, mit seinen Vorschlägen für unsere Sicherheit sorgen zu können. Und wenn es dann trotz aller Maßnahmen noch Anschläge geben sollte (in einem anderen Land mit ganz anderen Gegebenheiten), wird die nächste Idee aus dem Hut gezaubert.

Die Frage, die man sich stellen sollte ist: Welches Bedürfnis wird mit solch kruden Aussagen befriedigt? Warum ist das Bedürfnis nach Sicherheit in manchen Gesellschaften so groß, dass man mit derart tiefen Eingriffen in die Freiheitsrechte, wie sie vor einigen Jahren höchsten in dystopischen Büchern oder Filmen zu finden waren, Zustimmung und Wähler gewinnen kann? Ist dieses (uneinlösbare) Versprechen der Obhut des Staates die einzige Antwort auf die Angst der Bürgerinnen und Bürger?

Es wäre an der Zeit für eine solche Debatte in Deutschland. Wir sollten darüber reden, wieviel Risiko wir bereit sind in Kauf zu nehmen. Wieviel Lebensqualität (und darum geht es) wir uns erhalten müssen trotz der Bedrohung und wieviel wir bereit sind zu opfern für ein gewisses Maß an Schutz. Wir sollten den Überwachungsfanatikern Grenzen setzen, als selbstbewusste, offene Gesellschaft. Das können wir, wenn wir unsere Ziele einmal durchdiskutiert und klar definiert haben.

Leben ist Risiko. Das Streben nach absoluter Sicherheit macht Beziehungen, macht Vertrauen kaputt und führt im Sozialen zu Stillstand oder gar Auflösung.

Die unantastbare oberste Prämisse Sicherheit muss überdacht werden.

This entry was written by mbuet, posted on 25. Juli 2011 at 13:03, filed under Gesellschaft. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Google: Die mee too (but better) – Company

1995, als das Internet noch beschaulich und überschaubar war, suchten die meisten von uns mit Altavista. Der damalige Platzhirsch brachte das erste Mal für eine breite Masse das Gefühl von Ordnung ins noch etwas nerdige Netz – und machte es damit attraktiv auch für Laien. 1998 kam Google und übernahm innerhalb kurzer Zeit die Marktführerschaft, die bis heute mit ca. 80% aller Websuchen anhält. Während Altavista für seine Suchergebnisse hauptsächlich auf die Metatags der Websites schaute, durchsuchen die Crawler von Google Websites nach Suchbegriffen und Schlüsselworten und errechnen den Page Rank. Die Ergebnisse sind so nach Relevanz sortiert, ein Evolutionssprung in der Internetsuche.

Bereits bei diesem ersten Streich sind zwei grundlegende Strategien des Unternehmens aus Mountain View zu erkennen, die bis heute gelten:

  1. Sie erfinden nichts grundlegend Neues (Suchmaschinen gab es bereits), sondern erkennen die Relevanz und die Schwachstellen des vorhandenen erfolgreichen Angebots, um in der Folge ein mee too-Produkt auf dem Markt zu bringen, das sein Vorbild um Längen schlägt.
  2. Dabei muss das mee too-Google-Produkt nicht schon in der ersten veröffentlichten Version alles Vorhandene in den Schatten stellen, sondern bekommt Zeit in einem stetigen Verbesserungsprozess seine volle Kraft zu entwickeln – bis der Marktführer überholt ist. Bei der ersten Version geht es vielmehr darum, einen Pflock einzuschlagen, zu zeigen: Wir haben die erkannt, was ihr wollt – hier kommt was von Google.

Beispiele gibt es viele, von der Suche über webbasierte Mailaccounts bis hin zu Android. Wenn man sich das Portfolio von Google ansieht, fällt einem zu fast jedem Angebot ein Tool ein, das man stattdessen früher benutzt hat. Und nun Google+, das alle als das bessere Facebooktwitterflickrfacetime bejubeln (oder auch nicht).

Es gibt noch einen anderen Big Player, der 20 Jahre zuvor mit dieser Strategie zum Marktführer wurde: Auch Microsoft hat wenig Neues in die Software-Welt gebracht. Windows ist eine schlechte (aber weitaus erfolgreichere) Kopie von Mac OS, vor Word beherrschte WordPerfekt den Markt und von der Xbox wollen wir erst gar nicht reden. Im Unterschied zu Microsoft schafft es Google allerdings immer, das bereits Vorhandene und erfolgreiche nicht nur schlecht zu kopieren, sondern für den User noch viel viel besser zu machen.

Ja, Google Produkte sind super. Aber auch und vor allem, weil die Entwickler und GUI-Designer des Unternehmens auf Vorhandenes aufbauen können – und das können sie verdammt gut. Google hat die größte Entwicklerpower überhaupt. Und das bringt dem Unternehmen ein untrügliches Gespür, was die User gerne nutzen, was ihnen dabei fehlt und auf den Geist geht und was der nächste logische Schritt ist.

Aber Google ist nicht Apple, die zu recht sagen können: „Das verändert alles. Wieder einmal.“

This entry was written by mbuet, posted on 15. Juli 2011 at 12:40, filed under Cyberspace and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.