mbuet2000
Mathias Büttner zu Gesellschaft, Kultur und Cyberspace.

Die sozialen Medien sind in der Pubertät

2012 werden sie erwachsen.

Bis jetzt war auf Facebook, Twitter und YouTube Spaß und Spiel. Sozusagen das Bälleparadies für alle, die bei IKEA nicht mehr rein dürfen. Und was wurden da Bälle (vor allem rethorische) hin und her geworfen, dass es eine Pracht war!

Jetzt haben wir 2012 und überall ist zu lesen, nun übernehmen die sozialen Medien unter neuen Namen die Weltherrschaft (Beweis 1, Beweis 2). Wenn man sich die Kampagne rund um den BP Wulff mal als Case herauspickt, fällt vor allem Folgendes auf:

  • Es waren (und sind) noch nie so viele Menschen über die sozialen Kanäle dermaßen involviert gewesen wie bei diesem Thema. Ob jetzt contra Wulff oder contra Bild, das Thema hat die Leute bewegt ihre Meinung öffentlich zu machen. Ein Großteil der Diskussion lief über Twitter, Blogs oder Kommentare unter Artikeln.
  • Die Art der Diskussion, die starke Polarisierung und Vereinfachung, die ironischen und sarkastischen Blüten welche der Fall hervorbrachte – all das riecht nach Pubertät. Ein letztes Hervorblitzen des Kindischen in einer unumstößlichen für-oder-gegen-Positionierung. Die Sozialen Kanäle sind nicht mehr das Bälleparadies, vielmehr die ‚linke’ Schülergruppe, die gegen „das Establishment“ kämpft.
  • Zum ersten mal war in diesem Ausmaß Online das Zentrum des Geschehenes und die klassischen Medien nur noch Verweiskanäle, die ohne die Tweets und Kommentare nichts außer die Fakten zu berichten gehabt hätten. Der Kern der Kampagne waren aber nicht die Fakten sondern die breite Diskussion. Diese fand online statt, TV, Print etc. haben nur noch verwertet. Die Windrichtung hat sich gedreht.

Warum gerade jetzt? Weil Online nicht mehr die Nische ist neben all den anderen Sachen die wir so machen. Es ist unser täglich Brot.

Wir gehen nicht mehr „ins Internet“. Wir checken nicht mehr einmal am Tag Facebook. Die Timeline läuft den ganzen Tag, hier und dort steigen wir ein in eine Diskussion, chatten kurz mit Freunden oder Geschäftspartnern, vereinbaren ein Mittagessen. Unternehmen suchen ihre Mitarbeiter dort, wo sie sich den besten Eindruck machen können und Kollegen arbeiten über Collaboration-Tools gemeinsam an Projekten. Auch der Handwerksmeister, auch die Frau Steffen vom Finanzamt Altona.

Das ist nur logisch: Die meisten Menschen kennen soziale Kommunikation aus dem privaten Bereich. Sie ist einfach, egalitär, sprachlich direkt und entspannt. Hier was posten, da was Kommentieren, dort schnell was rüberschicken. Alltag.

Dazu BITKOM in “Die Hightech-Trends des Jahres 2012″:
Weiter im Aufwind ist das Thema Social Media. Entsprechende Tools finden Eingang in den Alltag von Unternehmen und Behörden. Sie nutzen u.a. Blogs, Wikis, Kurznachrichtendienste oder soziale Online-Netzwerke für die externe und interne Kommunikation. Dafür müssen sie die technischen und organisatorischen Voraussetzungen schaffen. Laut einer BITKOM-Umfrage beschäftigen bereits 10 Prozent der Unternehmen in Deutschland eigene Mitarbeiter, die für die Kommunikation im Social Web zuständig sind.

Die Zeit, in der 80% des Social Media-Contents mit Katzen und Kindern und Katzenkindern generiert wurde ist vorbei. Auch 2012 wird uns hier und da eine süße Mieze oder Mia begegnen, aber sie werden ihren Platz vermehrt mit Unternehmen,  Ablegern von klassischen Medien, Parteien und auch kommunalen Einrichtungen teilen müssen.

Wenn ich ein Shazam zu Jamie Cullums ‚What a difference a day made’ poste, meldet sich vielleicht die O2-World mit einem Konzerttipp. Oder ein potentieller Arbeitgeber schreibt mir, dass sie das dort auch gerne hören, ich soll doch mal vorbei schaun. ZDFneo weißt mich auf einen Konzertmitschnitt hin. Und mein Zahnarzt erinnert mich daran, dass ich heute Morgen doch einen Termine gehabt hätte.

Freizeit ist schon social. Shopping wird gerade social. Arbeiten wird bald social. Und die Liebe ist es eh.

Wir haben uns an soziale Kommunikation gewöhnt. Jetzt wird sie erwachsen, sucht sich einen Job und geht feste Beziehungen ein. Das heißt aber nicht dass sie die althergebrachten Umgangsformen übernehmen muss. Vielmehr bringt jede Generation etwas Neues mit, an das sich ‘die Alten’ gewöhnen müssen. Die Firmen werden sich daran gewöhnen, ihre Mitarbeiter als Person mit einer anderen Person (Kunde, Partner) auf Augenhöhe kommunizieren zu lassen. Daran, dass Vertrauen über ihren Erfolg entscheidet. Und daran, dass sie eben eine/r unter Vielen sind.

Wer bei der sozialen Kommunikation mitmachen will, muss die neuen Regeln kennen. Diese anzunehmen und zuzulassen, wird die Herausforderung für die Unternehmen, Medienhäuser, Parteien und Behörden. Wie für alle Eltern.

This entry was written by mbuet, posted on 19. Januar 2012 at 14:05, filed under Cyberspace. Leave a comment or view the discussion at the permalink.